INTERVIEW MIT SANELA TADIC

NACHGEFRAGT BEI SANELA TADIC

 

Interview KaMeRu Verlag |

Dr. phil. Katarina Graf Mullis

(im Sommer 2017)

 

 

1. Woran glauben Sie?

Ich glaube an die Kraft der Seele. Wonach wir in unseren Seelen trachten, für uns und für andere, das ist unsere Religion.

 

 

2. Haben Sie eine Lieblingsfarbe?

Ich mag Herbstfarben, die Geborgenheit und Wärme vermitteln, wie braun, orange, dunkelrot, dunkelgrün, beige. Sie kommen bei mir überall vor. Besonders in der Wohnung, aber auch bei der Kleidung. Gegenstände, Grafiken und Bilder mit diesen Farbtönen ziehen mich sofort an.

 

 

3. Was ist Ihrer Meinung nach das ultimative Lebensgefühl?

Authentizität in allem, was wir denken, fühlen und tun. Die absolute Echtheit, ohne etwas vortäuschen oder künstlich hervorrufen zu müssen.

 

 

4. Sind Sie mutig?

Ich denke, hier darf ich „ja“ sagen. Das bedeutet aber nicht, dass ich nie Angst habe, sonst müsste man keinen Mut aufbringen. Um was es auch geht, ich versage letztendlich lieber, als vor etwas oder jemandem zu kneifen. Meiner Erfahrung nach überwindet man seine Ängste, wenn man dem, wovor man sich fürchtet, entgegen treten kann. Irgendwann erlangt man mehr Sicherheit und Gelassenheit. Seltsamerweise bin ich in Notlagen und Krisenzeiten am mutigsten. Vielleicht ist es weniger Mut und mehr eine Art Trotz gegen Dinge und Menschen, die einem Leid zufügen (wollen).

 

 

5. Warum schreiben Sie?

Als Kind und Jugendliche fand ich für mich selbst im Schreiben ein Ventil, um mein Innenleben auszudrücken, was ich mündlich nicht in der Lage war. In der Literatur fand ich eine Welt, in der es nichts Unaussprechliches gibt. Alles Menschliche findet eine Beschreibung, einen Ausdruck. Ich empfand das als sehr befreiend und tröstend. Mein Wunsch war immer, dass sich die Menschen im Alltag genauso offen und ehrlich untereinander ausdrücken würden wie in der Literatur oder auch im Film. Überhaupt in der Kunst. Beim Schreiben von Geschichten gibt man allen Gedanken und Gefühlen eine Stimme. Auch wenn sie erfunden sind, stammen sie doch aus der Realität. Wir Menschen nutzen unsere Sprache zu wenig für das Wesentliche, für den echten Ausdruck. Stattdessen nutzen wir sie mehr, um vom Wesentlichen abzulenken, zu verschweigen, zu verschleiern oder auch, um andere zu manipulieren oder zu verletzen. Worte haben eine starke Wirkung. Darum ist es so wichtig, sie bewusst und wohlwollend zu nutzen. Ich glaube auch, dass ich beim Schreiben mehr ich selbst bin. Gerade weil man im Alltag zu wenig Gelegenheit hat, tiefgründiger zu denken und bewusster zu sprechen. Schreiben wurde für mich auch eine Art Protest gegen die Missstände unserer Zeit.

 

 

6. Sie sind eine bekennende Katzenliebhaberin. Warum gerade Katzen?

Nun ja, es würde mir nicht erlaubt werden, auch Pandas, Waschbären oder Erdmännchen bei mir zu haben. (lacht) Ich mag auch Hunde sehr gern. Als Kind mehr Hunde als Katzen. Auf Katzen bin ich gekommen, da ich zufällig in meiner letzten Wohnung häufig den Kater meiner Nachbarn bei mir hatte. Er folgte mir oft in die Wohnung und fühlte sich sehr wohl. Irgendwann war er ein häufiger Gast, der auch sein Futter bekam, nachdem die Nachbarn darüber informiert waren. Ich hatte ihn so richtig ins Herz geschlossen. Und als ich dann eine neue, grössere Wohnung bezog, bekam ich Sehnsucht nach diesen Tieren. Ich fühle mich mit Katzen wohl. Sie vermitteln Geborgenheit und Wärme (wie die Herbstfarben). Ich glaube auch zu spüren, dass sie mehr wahrnehmen, als man meint. Allgemein halte ich Tiere für viel authentischer und aufrichtiger als Menschen. Sie leben im Hier und Jetzt und sie verbergen ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht.

 

7. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

„Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami. Seine Romane „Kafka am Strand“ und „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ gehören zu meinen zeitgenössischen Favoriten.

 

 

8. Spielen Sie ein Musikinstrument?

Leider nein. Musik ist mir aber sehr wichtig. Als Kind hatte ich eine Handorgel aufgrund meiner slawischen Wurzeln. So richtig spielen konnte ich nie. Ich bewundere Menschen, die leidenschaftlich Instrumente spielen und eigene Musik machen. Mir persönlich fehlte es immer an Geduld und Disziplin, ein Instrument zu erlernen. Musik kann eine Ergänzung, wenn nicht gar Steigerung zur Literatur sein, weil sie Vieles ausdrücken kann, was Worte nicht können.

 

 

9. Wovor haben Sie Angst?

Ich habe Angst vor Augenblicken oder Zeiten, in denen die Angst mich daran hindert, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Und natürlich ängstigt mich der Gedanke zutiefst, dass geliebte Menschen und Tiere schwer erkranken und sterben könnten.

 

 

10. Haben Sie unerfüllte Träume?

Ja. Ich habe seit vielen Jahren einen Traum, eine Vision. Eines Tages in einem Haus am See oder an einem Fluss zu leben, das von Wäldern umgeben ist. Mit einem Steg und einem Boot. Ähnlich wie einst Ernest Hemingway oder Johnny Cash. Je länger je mehr fühle ich mich in einer Stadt nicht wohl. Ich sehne mich nach Rückzug und Ruhe. Nach einem Ort, in dem das Innenleben frei von der städtischen Hektik, von Lärm und Zeitdruck, seinen Ausdruck finden kann. Dort möchte ich einmal mit dem mir wichtigsten Menschen und mit Haustieren leben und schreiben. Ab und zu verreisen oder einen Ausflug in die Stadt machen, das Zuhause aber in einer Naturlandschaft haben. Vielleicht auch mit Holz arbeiten, etwas mit den Händen erschaffen – neben der geistigen Arbeit am Computer. Und ich träume davon, Bücher zu schreiben, die vor allem etwas bewirken und bewegen, sich nicht bloss verkaufen und unterhalten.

 

 

Interview: Dr. phil. Katarina Graf-Mullis, Verlegerin KaMeRu Verlag Zürich

(im Sommer 2017)