LESEPROBEN

LESEPROBEN

 

Probelektüre der ersten 21 Seiten aus dem

1. Kapitel ('Instinktleben'); KaMeRu Verlag:

 

 

 

»Daher auch nachts die vielen Ruhelosen, denkt sie, die sich quälend in ihren Betten hin und her wälzen, oder sie lassen es gar nicht erst dazu kommen, dass sie sich allein hinlegen. Selbst, wenn es jemand ist, der bloß neben ihnen daliegt, schweigt, atmet, schnarcht oder synchron mit ihnen keucht, stöhnt, aufschreit, kommt oder nicht kommt. Selbst dann, wenn dieser Jemand in ihren Herzen niemand Bestimmtes ist. Es geschieht wenigstens etwas Unmittelbares, das ihre fünf Sinne fordert, und ihre stillen Rebellionen übertönt, die ihnen endlich nicht mehr bewusst sind.«

 

 

»Menschen ihrer Zeit fürchten Verwandlungen mehr als den Stillstand, als die Eintönigkeit des Alltags. Struktur ist deshalb ein beliebtes Wort und Hilfsmittel, um alle Ebenen des Daseins danach auszurichten. Dass sie Struktur haben, berechenbar, gewohnt und niemals plötzlich und überraschend sind. Menschen fühlen sich heute sicher in der ewig gleichen Abfolge der Dinge, Ereignisse und Tätigkeiten. Ihr Terminkalender ist – wie ihre Ängste, Sorgen und Erwartungen – zum leitenden Geländer auf dem Lebensweg geworden. Ihre Hoffnungen und Wünsche, ihre Probleme und Kämpfe, die sie auszufechten hätten, behandeln sie wie unerwünschte E-Mails, die im Spam-Ordner oder im Papierkorb landen. Sie sind ihnen zu komplex, zu fordernd, zu zeitraubend und könnten eben dazu führen, dass sie sich verändern.«

 

 

»Ihre ganze Angst war verschwunden. Etwas Stärkeres war da. Ein trotzender Widerstand, der über alle Gefahren hinwegsah. Ihre Ohnmacht verwandelte sich in Macht. Nicht unbedingt über ihn, aber über sich selbst. Als wüsste sie plötzlich, was sie mit sich anfangen sollte, wohin sie ihren Willen steuern sollte. Inmitten dieser Dunkelheit wurde ihr alles klar. Von innen heraus beleuchtet. War das etwas, was Leute in Selbstfindungsseminaren suchen? Oder war es bloß die simple Erkenntnis, am Leben zu sein und am Leben bleiben zu wollen?«

 

 

»Schriftsteller können Therapeuten sein, die umgekehrt arbeiten, als die Psychoanalyse es tut. Therapeuten hören ihren Klienten zu, um sie dann auf Dinge in ihrem Innern aufmerksam zu machen, die ihnen selbst nicht bewusst sind. Schriftsteller machen es umgekehrt. Sie erzählen ihren Leserinnen und Lesern von allem Unbewussten und Bewussten der menschlichen Existenz. Und dies auf eine Weise, die ihre Aufmerksamkeit erregen muss. Sie sammeln alle seelischen Puzzleteile ein und setzen sie zusammen zu einem Bild, das die Lesenden klar und deutlich erkennen können. Wenn sie wollen.«

 

 

»Erzählungen, wie auch immer sie zu ihr gelangt sind, die möglicherweise auch nur einen einzigen Menschen dazu bringen, sich zu verändern, sich zu verwandeln. In jemanden, der sich dazu entschließt, dem einst abgestumpften Trieb zu folgen, es sich in seiner Haut, im eigenen Ich, lebenswert zu machen.«

 

 

»Es erschien ihr, als würde sie im erwachsenen Alex den kleinen Alex erkennen. Das Kind, das er mal war. Und wie sich sein Gesicht im Laufe der Jahre verändert hatte. Vom Leben geprägt, das er bis zum heutigen Tag gelebt hatte. Im Kern wollte der große Alex dasselbe wie der kleine Alex. Im Kern wollen und suchen wir das alle. Warum behandeln wir die kleinen Menschen liebevoller als die großen, wunderte sich Marion plötzlich. Die Großen sind auf eine andere Art ebenso hilflos. Der Gefühlsausbruch ihres Mannes hat ihn zwar klein, aber irgendwie auch groß gemacht. Beides zur gleichen Zeit. Beides berührte sie zutiefst.«

 

 

»Simon wacht aus einem Albtraum auf. Schon wieder. Er hat geträumt, dass sein Gesicht monströs entstellt ist. Mit hängenden Hautfetzen, sichtbarem Innenfleisch und Wangenknochen, die herausstehen. Halb lebendig. Halb Skelett. Ein Zombie. Sofort fasst er in sein Gesicht. Es fühlt sich alles normal an. Er steht auf und geht zum Spiegel an seinem Kleiderschrank. Derselbe ängstliche Teenager wie gestern blickt ihm darin entgegen. Nicht entstellt. Auf gewisse Weise schon, aber nicht wie ein Monster. Nicht so, dass man vor ihm erschrickt, ihn eher mitleidsvoll ansieht, ihn unterschätzt, ihm wenig zutraut. Sein Doppelkinn, die Rettungsringe und sein hervorstehender Wanst sind auch noch da. Zumindest muss niemand wegen ihm losschreien, aber alle denken, wie froh sie sind, nicht Simon zu sein. Ja, das können sie auch sein.«

 

 

»Menschen, die in Davids Praxis kommen, gehören zu den fühlenden Unvollkommenen. Zu den Rebellen. Sie fühlen sich nicht wohl in der Welt, die sie kennen, aber sie wollen und müssen in ihr klarkommen. Denn es ist das einzige Leben, das sie haben.«

 

 

»Viele von ihnen äußerten irgendwann mal den verzweifelten Satz: »Ich hab’ doch nur dieses eine Leben.« Auffallend ist auch, dass viele von ihnen mit Problemen ihrer Zeit zu ihm kommen. Probleme, die in einer anderen Zeit nicht vorhanden wären. Menschen sind nicht nur das Produkt ihrer Erziehung, ihres Umfeldes und ihrer Erfahrungen. Sie sind auch das Produkt der Zeit, in der sie leben. Dagegen können sie sich nur schwer wehren. Dagegen hilft auch keine Therapie. Es hilft nur zuzuhören und zu verstehen. Einen Weg zu finden, sich vom Zeitgeist nicht brechen zu lassen. Wie etwa vom Schönheitswahn, vom Leistungszwang, von der Herrschaft der Technologie, von der globalen Standardisierung der Menschen, die ihre Individualität verlieren.«

 

 

»Jill hat seit ihrer Wandlung keine Angst mehr vor der Bedrohung Mensch. Sie meidet die Falschen und die Bösen, aber sie bleibt auf alles und jeden vorbereitet. Sie fühlt sich, als trüge sie seit jenem Abend eine unsichtbare Rüstung der Unbezwingbarkeit. Nichts und niemand kann ihr mehr was anhaben. Ihren Willen brechen, über sie bestimmen oder Unruhe in ihr Leben bringen. Sie bettelt um niemandes Gunst mehr. Lange hatte sie keine Ahnung, dass sie etwas konnte, was viele nicht können: Vollkommen auf sich allein gestellt zu sein. Selten bekommt man von anderen zu hören, worin man wirklich gut ist, oft aber, worin man schwach ist. Und je stärker man wird, desto seltener hört man überhaupt etwas von anderen. Von den Falschen und Bösen. Dafür aber von den Richtigen. Vor allem aber von sich selbst. Von dem, der wirklich zählt. Das, was sie damals verwandelt hat, war das Beste, was ihr passieren konnte. Das Schlimmste und das Notwendigste. Manchmal müssen Menschen Zeiten durchleben, in denen sie ihre ganze Kraft aufbringen müssen, um zu erfahren, wie viel sie überhaupt von ihr haben. Eine Naturgewalt an Stärke in sich erkennen, die sonst nie zum Vorschein gekommen wäre.«

 

 

»Das Neue ist immer das Interessanteste, aber auch das wird bald ersetzt. Alles und jeder ist vorübergehend, unverbindlich, austauschbar. In den Medien wie in allen anderen Bereichen müssen die Zahlen stimmen, wie Herr Mertens sagen würde. Von ihm hat Jill viel gelernt über die Zeit, in der sie lebt. Manchmal reicht es, einen einzigen Menschen gut zu kennen, um Hunderte, wenn nicht gar Tausende zu verstehen, weil so viele von ihnen bloß sogenannte Follower sind. Früher nannte man sie verächtlich Mitläufer. Heute werden sie geschätzt als anpassungsfähig und integriert. Wer nicht mitläuft, kommt in der modernen Welt nicht weiter. Früher waren Originale gefragt, heute sind es Kopien. Das Außerordentliche ist herausfordernd, verdächtig, etwas für die Schlagzeilen. Der Standard ist bewährt, vertrauenswürdig. In einer absurden, sich selbst widersprechenden Welt.«

 

 

»Einen anderen Menschen zu lieben. Nicht, weil er mein Fleisch und Blut ist. Nicht einmal, weil er mein Ehemann ist. Einfach, weil er mich im Innern berührt... Das ist gar nicht immer so leicht, wissen Sie? Sich im Innern berühren zu lassen. Von jemandem, den der Zufall ins eigene Leben gebracht hat, und der vorher keine Bedeutung hatte.«

 

 

»Diese Zweibeiner sind schon sonderbare Geschöpfe, denkt der Kater. Sie sind frei und haben scheinbar unzählige Möglichkeiten, und doch leben sie in Käfigen. Unfrei und beobachtet. Dressiert und gezähmt. Mit gebrochenem Willen und einer verwundeten Seele, während sie alle wissen müssten, dass sie einen freien Willen besitzen. Eine starke, unbezwingbare Seele.«

 

 

»Bei seinen Klientinnen und Klienten entdeckt er immer häufiger Tattoos. Was früher eher für Randgruppen bestimmt war, ist heute in allen Schichten modern geworden. Das ist kein Zufall, findet David. Tätowierungen sind das Gegenteil von der weißen Wand. Mit ausgewählten Motiven wird das hervorgestochen, was im Alltag verdeckt wird. Prägungen, die ihnen unter die Haut gegangen sind, und die sichtbar ausgedrückt werden wollen.«

 

 

»Eine solche Schriftstellerin wollte Jill immer sein. Wie Dina Santino, die keine Hemmungen und Tabus kennt, aber Jill Salinger sein, die sich nicht auf die Beschreibung sexueller Neigungen und Sehnsüchte ihrer Figuren beschränkt. Eine andere Art von Aphrodisiakum will sie ihren Leserinnen und Lesern verabreichen. Was Dina Santino für die Steigerung der Libido ist, will Jill Salinger für die ganze Existenz sein, in der das Lustempfinden nach dem eigenen Dasein wächst, das Verlangen nach einem freien, erfüllten Leben.«

 

Sanela Tadić, »Stille Rebellionen«